Der Lenor-Porsche *
|
||
Ich kann es kaum fassen: Sie haben es wirklich getan. Nach
34 Jahren Porsche 911 haben sie ihm die Seele genommen. Der Carrera
heißt zwar noch so, ist aber ein schmuseweich gespülter 911.
Schluß mit dem Charisma der Unvollkommenheit, dieser Porsche ist
durchgestylt und glattgebügelt. Fit für das nächste
Jahrtausend wollten sie die Ikone 911 machen. Heraus kam ein
Sportwagen, der bis auf die Silhouette verwechselbar ist. Jetzt
haben sie sich selbst kopiert; wie wir es den Japanern nie verziehen
hätten.
Der Carrera 996 ist zu einem Ebenbild des aufgedunsenen 928 verkommen.
Die
Form ist fast deckungsgleich. Und auch in der Größe nimmt
der
neue Carrera das 928-Urmaß wieder auf. Länge: 4,43 Meter,
gerade
mal zwei weniger als der erste 928. Okay, der war vier Finger breiter
und
gut 100 Kilo schwerer. Aber die Anmutung nach den ersten Kilometern
erinnert mich stark an das wuchtige Reise-Coupé: ein starker
Gleiter, kein bissiger
Heizer.
Also, erstens klingt der Motor nicht mehr nach Carrera, zweitens fühlt er sich nicht mehr so bissig an. Daß der Sechszylinder das richtige Elfer-Gift nicht mehr verspritzen konnte, lag wohl auch an der Tiptronic unseres Testwagens. Die hat zwar jetzt fünf weich schaltende Gänge, hält ihn aber ganz oben im Würgegriff. So konnte der 996 den alten 993 Carrera trotz 300 PS und 24 Ventilen nicht wirklich abhängen. Das mag mit dem Sechsgang-Handschalter anders sein, doch ein echtes Rasemobil soll der 996 auch gar nicht mehr sein. Die SL-Kundschaft vom Stuttgarter Nachbarn hat die Porsche-Führung im Visier. Und für die ist der Soft-Porsche tatsächlich eine Alternative. Er rollt viel kommoder ab als bisher, das Geräuschniveau ist wesentlich niedriger, und endlich kann man in ihm auch telefonieren, ohne dem Beifahrer ins Ohr zu brüllen. Doch ist das noch 911? Ich sitze vor einer durchgestylten Plastik-Landschaft. Fünf innig verschlungene Rundinstrumente, schlecht abzulesen, aber eben ziemlich formvollendet. Dazu zahlreiche schwarze Mini-Schalter, hübsch auf der Mittelkonsole arrangiert wie bei einem Sony-Walkman. Keine Ideen, keine neuen Lösungen, nur eben ein Fahrerplatz in einem Sportwagen.
Immerhin: Die Totaloperation hat auch ihr Gutes. Der Neue soll 50 Prozent stabiler sein. Nur schade, daß kein Gefühl dafür aufkommt. Schon beim Türschlag fällt der Bulle durch einen dumpfen Hohl-Plopp unangenehm auf. Der metallische Tresor-Knall des 911 ist bei der Stärkung leider auf der Strecke geblieben. Zu harsche Kritik? Ich meine nein. Sicher ist der neue Carrera ein hervorragender Sportwagen, mit einem phantastischen Fahrwerk und einem Super-Motor. Doch das können andere auch. Porsche hat die Chance vertan, den Mythos 911 neu zu beleben. All die Unzulänglichkeiten haben sie ihm konsequent ausgetrieben, dabei auch noch die letzten Falten aus der Haut gedrückt. Jede Verbesserung für sich wäre leicht zu ertragen. Nur: Die Summe aller Änderungen macht den 98er Carrera zu einem ganz anderen Typ. Hier hechelt nicht mehr der Elfer - hier atmet ganz cool der Porsche 2000. * aus der Auto-Bild Heft 36/1997 |